Allmutter Präsenz

   Kristina Marita Rumpel 

Artikel erschienen in lebens-(t)-räume - September Ausgabe: Wissen und Macht – Liebe, Leben, Energie

Die Wiederentdeckung der weiblichen Kraft: Geburt als Liebesakt des Lebens

Jedes Lebewesen wurde geboren und wird einmal sterben. Der Lebenszyklus ist für Menschen eine Gnade, um zu wachsen, zu schaffen und zu lieben. Geburt und Tod sind dabei die beiden Eckpfeiler und sind angesichts ihrer Herausgehobenheit Momente, in denen sich Bewusstseinsfenster öffnen. Sich mit Schwangerschaft und Geburt zu beschäftigen, ist nicht nur für Schwangere essentiell, sondern für alle, die sich mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens auseinandersetzen.

Geburt wird heute oft mit Angst, Ohnmacht und Schmerzen assoziiert. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die unheilvolle Verbindung von Geburt und Leid jedoch von Menschen gemacht wurde und den ursprünglichen Vorgänge nicht gerecht wird. Die Diskrepanz zeigt sich schnell, wenn man Worte ins Bewusstsein ruft, die Menschen finden, die unter dem unmittelbaren Eindruck einer Geburt stehen: Wunder, Seligkeit, tiefes Berührtsein, Stille. Nur wenige würden so wohl vor einer Geburt darüber sprechen oder sich auf das Durchleben der Geburt freuen.

Mit einem Akt des Staunens, des Auslebens von Kreativität und Freiheit lassen sich heute nur wenige Geburten in Verbindung bringen. Sicherheitsdenken, Kontrolle und Technik bestimmen das Geschehen. Wie Menschen Geburt erleben und was sie erwarten, unterliegt einer kulturellen Deutung. Sich dem Wunder des Lebens zu nähern, bedeutet daher zuallererst die Zurückweisung alter Vorstellung von Geburt, die durch den Blick zumeist männlichen von außen entstanden, damit der Weg frei werden kann für ein inwendiges weibliches Erleben von Geburt.

Geburt ist magisch, sie stellt die Weichen für ein ganzes Leben. Sterben und Geburt, das sind die beiden großen Transformationsprozess des Lebens. Geburt ist der Abschluss der Schwangerschaft und der Beginn eines neuen Lebens. Es ist das größte Abenteuer, das das Leben zu bieten hat. Eine extreme Herausforderung und daher auch mit Ängsten und Unsicherheiten behaftet. Wer glücklich daraus hervorgehen will, der benötigt neben Gesundheit vor allem Selbstbewusstsein, Vertrauen, Mut, innere Stärke, Flexibilität, dem Wille zur Veränderung und Begeisterung. Frauen werden nicht nur mit einem Kind belohnt, sondern sie werden auch reicher an Lebens-Erfahrung.

Eine bewusst erlebte Geburt bedeutet daher immer auch die Stärkung des inneren Kerns, sollten Frauen das Glück haben, in Kontakt mit ihrer inneren Kraftquelle zu kommen. Bei nur noch 7 Prozent aller Geburten, die ohne medizinische Eingriffe ablaufen oder der steigenden Zahl von Kaiserschnitte (33 Prozent) ist das längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Dabei ist es für das spätere Leben nicht egal wie eine Geburt abläuft und sich die Frau dabei fühlt. Wenn es bald keine freien Hebammen mehr geben wird, wie es der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen fordert, wird die Zahl der traumatisierten, statt durch die Geburt erstarkten Frauen noch zunehmen. Die aktuellen Zahlen sagen jedenfalls weniger über die Gebährfähigkeit der Frauen aus, als viel mehr über ein Geburtshilfesystem, das auf dem Rücken von Frauen ausgetragen wird.

Um Geburt wieder zu dem strahlenden Moment zu machen, ist es wichtig, das Bewusstsein von Frauen über sich selbst zu stärken. Es geht um eine Selbstermächtigung von Frauen und nicht um die Anhäufung von Untersuchungen, die im Zweifel Ängste schüren, statt Vertrauen schaffen, dem Schlüssel für eine natürliche Geburt. Frauen steht dabei ein Jahrtausende altes Weisheitswissen zur Verfügung, das von Akupunktur bis Yoga reicht. Auf dem Internetportal www.flowbirthing.de ist ein Netzwerk von professionellen AnbieterInnen entstanden, die Frauen ermutigen, sich auf die einzigartige Geburtsreise einzulassen und ihren individuellen Weg durch Schwangerschaft und Geburt zu finden. Ziel ist ein durch und durch positives Geburtserlebnis im Zentrum der weiblichen Kraft.

Was nun aber ist ein Wissen, das Frauen stärkt und Vertrauen fassen lässt in ihre Gebärfähigkeit und ihren Körper? Es ist ein uraltes Weisheitswissen von Frauen, das Denken und Fühlen übereinkommen lässt. Aus weiblicher Sicht ist Geburt kein Trennungs- sondern ein dreifacher Verbindungsvorgang: bei einer kraftvolle, positive Geburt geht es um die Einheit von Körper, Geist und Seele der Mutter, um die Verbindung von Mutter und Kind im Bauch und um die Anbindung an die alles durchdringende Schöpfungskraft, jene gestalterische Kraft im Universum, die Leben hervorbringt.

Liebe ist dabei das tragende Element von Geburt. Es zeigt sich für alle sichtbar nach der Geburt, doch schon während der Geburt beschützt und beflügelt es die Gebärende. Durch die Kontraktionen der Gebärmutter, dem bisher verinnerlichten schmerzhaften Vorgang der Geburt, schüttet der weibliche Körper Oxytocin aus. Es ist dies das Liebeshormon im Körper, welches auch Gefühle von Liebe, Freude und Dankbarkeit auslöst und auch von den Frauen so wahrzunehmen ist, wenn diese Form des Erlebens von Geburt vorgestellt und zugelassen werden kann. Geboren aus einer Welle der Freude, diese Vision ist wörtlich zu interpretieren sowie die Tätigkeit der Gebärmutter ein Akt der Liebe ist.

Leben ist Liebe, das verrät der Blick auf die Prozesse am Beginn eines Menschenlebens. Wie anders könnte unsere Welt aussehen, wenn Geburt nicht mehr Schmerz und Leid, sondern mit Liebe und Dankbarkeit verknüpft wäre? Und wie anders würden die Kinder aufwachsen mit einer Mutter, die durch die Geburt die spirituelle Erfahrung des All-eins-Seins machen konnte? Die körperlich durchlebte Erkenntnis, dass der Mensch in Wahrheit nicht allein, sondern all-ein mit der Schöpfungskraft ist? Denn ohne die frei fließende urgewaltige Schöpfungskraft ist Geburt auf natürlichem Wege nicht möglich.

Bisher sind sich nur wenige Frauen ihrer urweiblichen, transformierenden Energie überhaupt bewusst. Dies ist die Folge der Jahrtausende andauernden Verleugnung und Umschreibung der weiblich geprägten Urvergangenheit. Die Misere ist, dass Frauen zur Verortung ihres Selbstwertes nicht auf ihre Geschichte, ihre stärkenden Mythen zurückgreifen konnten und erst nach und nach den Dingen auf die Spur kommen. Die weiblichen Wurzeln der Menschheit sind verloren gegangen und so ist es kein Wunder, wenn alles aus dem Gleichgewicht gekommen ist und sich Leben allerorten in seiner verdrehten und entstellten, das heißt lebensverachtenden Form zeigt.

Den Umschwung erreicht, der fragt, was er für und nicht gegen etwas tun kann. Diese Herangehensweise ist urweiblich, denn nur wenn eine Frau aus vollem Herzen Ja zum Leben und Ja zum Geburtsprozess sagt, kann sich eine Geburt auch komplikationslos entwickeln. Wenn sich die Menschheit nicht selbst auslöschen will, wird die Zukunft wieder weiblicher werden, was nicht die Unterdrückung des Mannes im Sinne eines männlichen Verständnisses von Herrschaft meint. Vielmehr geht es um die Aufhebung von Blockaden und den Ausgleich der Energien. Ein freies Fließen, das alles in sich aufnimmt wie dies für das Weibliche charakteristisch ist.

Frauen zu unterstützen, in ihre Mitte, in ihre Kraft zu finden, das ist das zentrale Anliegen von FlowBirthing und damit weit mehr als ein Geburtsratgeber. FlowBirthing steht für den Aufbruch in eine neue Geburtskultur, in der Weiblichkeit als Geschenk und Geburt als Fest des Lebens erlebt werden kann. Es ist ein Wegweiser in eine Welt der tiefen Verbundenheit. Einer Welt, in der männliche wie weibliche Kräfte gleich gültig wirken können. Einer Welt der harmonischen Polarität, in der Mann und Frau zu aller erst als Menschen wahrgenommen werden, getragen durch die Einsicht, dass in jedem Menschen sowohl männliche wie weibliche Energien fließen und jeder für die Gemeinschaft allein durch sein Dasein unendlich bereichernd ist, da er ein Teil der Schöpfung ist. Diese Vorstellung von der Welt ist urweiblich, da sie der Einheitserfahrung der Geburt entspringt. Am Anfang dieser Entwicklung steht die Wiederentdeckung der weiblichen Urkraft und stehen – davon inspiriert – kraftvolle, heilige Geburten aus einer Welle der Freude.