Allmutter Präsenz

   Kristina Marita Rumpel 

Artikel erschienen in der CoMed - November Ausgabe 2015: Alles bleibt anders: Frauen und Männer

Der weibliche Blick auf den Start ins Leben

Frauen und Männer sind verschieden. Doch es ist nicht der kleine Unterschied, der entscheidet, sondern die Gebärfähigkeit der Frau. Für diese Gabe wurden Frauen einst als Göttinnen verehrt. Geburt war ein heiliger Akt und Frauen Schöpferinnen, Nährende und Mittlerinnen zwischen den Welten. Auch wenn wir heute wissen, dass an der Zeugung beide Geschlechter beteiligt sind, so bleibt die Gebärfähigkeit doch eine Auszeichnung des Weiblichen. Geburt ist immer noch ein magischer Moment, ein Wunder.

Menschen, die unmittelbar unter dem Eindruck einer Geburt stehen, finden Worte wie tiefe Berührtheit, Stille, Seligkeit. Doch beschreiben diese tiefen Empfindungen wirklich das, was Frauen heute bei der Geburt erleben? Nur wenige Geburtsszenarien lassen Raum für das Staunen, für die Kreativität und Freiheit einer kraftvollen Geburt. Über allem steht die Sorge, um den Ausgang der Geburt. Sicherheitsdenken, Kontrolle und administrative Zwänge beherrschen das Geschehen. Ein Loblied auf die Weiblichkeit hat hier keinen Platz.

Keine Frage, die moderne Medizin ist ein Glücksfall für all jene Frauen, die während der Geburt Hilfe benötigen. Das sind etwa 10 Prozent wie die WHO schätzt. Für die restlichen 90 Prozent ist der routinemäßige, standardisierte Ablauf ein ernstes Problem. Nur noch 7 Prozent aller Geburten laufen heute ohne jegliche medizinischen Eingriffe ab. Diese Zahl schockiert, sagt sie doch weniger über die Gebärfähigkeit von Frauen als vieles über den Status quo der Geburtshilfe aus. Es scheint, ohne Experten ist eine sichere Geburt nicht zu erreichen. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Allein die Gebärende weiß, wie ihr Kind sicher geboren werden kann, darüber herrscht Konsens. Jede Geburt verläuft nach ihrem eigenen Rhythmus und ist ein komplexes Zusammenspiel von Mutter und Kind. Dieser Prozess braucht Ruhe und Vertrautheit, jede Störung kann sich negativ auf den Geburtsverlauf auswirken. Durch die Verlegung ins Krankenhaus seit den 60er Jahren sind Frauen einem Wissens- und Machtverlust ausgesetzt und da Geburt nicht mehr zu den Alltagserfahrungen von Frauen gehört, ist es umso wichtiger, Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie lernen, ihrem Körper zu vertrauen und selbstbestimmt durch die Geburt gehen zu können. Das wird nicht auf Knopfdruck erreicht, sondern ist ein Entwicklungsprozess. Die Natur hat 10 Monate Zeit dafür eingeplant, dass eine Frau Kraft und Zutrauen in sich finden kann, für die Geburt und ihre Rolle als Mutter.

Bereitwerden für die Geburt, ist ein ganzheitlicher Öffnungsprozess für die körperlichen Veränderungen und die Herausforderungen der Geburt. Schwangeren steht auf diesem Weg ein Jahrhunderte altes Weisheitswissen von Frauen zur Verfügung. Es geht um eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, eine Forderung wie sie etwa auch in der urheimischen Philosophie von Dr. Pandalis vertreten wird, der ein Kompendium für Hebammen herausgegeben hat . Seine Erkenntnis: Wir wurzeln mit Leib und Seele in der Natur; sie ist die Lebens-Grundlage. Über das körperliche Wohlbefinden hinaus, entwickelt sich im Kontakt mit der Natur auch das Urvertrauen, das für die Geburt so wesentlich ist. Mit der Kraft der Natur gestärkt, gelingt es Unsicherheit und Angst, die eine Geburt als der große Transformationsprozess des Lebens nun mal mit sich bringt, hinter sich zu lassen und voller Vertrauen in die weibliche Gebärfähigkeit mit Freude und Neugier in die Geburt zu gehen.

Leider werden heute die Ängste von jungen Frauen eher geschürt, denn mit Angst lässt sich Geld verdienen. Umso erfreulicher ist es, dass es seit Mai ein neues Internetportal www.flowbirthing.de gibt, welches einen Fächer an stärkenden Angeboten für schwangere Frauen aufzeigt und von Frau zu Frau über Schwangerschaft und Geburt ganzheitlich informiert. Ein Netzwerk aus professionellen Anbieterinnen hat sich gebildet mit dem Ziel, Frauen in ihre Kraft zu führen, damit Geburt wieder zu dem werden kann, was es ist: das Wundervollste, was ein Mensch erleben kann.

Wie nur aber kam es, dass Geburt von dem meisten Menschen mit Angst, Schmerz, Leid assoziiert wird? Nun, Geburt ist nicht nur ein natürlicher Prozess, sondern kulturell überformt. Wie wir Geburt erleben, hängt stark davon ab, was wir erwarten. Auch die neuesten Erkenntnisse aus der Schmerzforschung bestätigen dies: Schmerzen sind kulturell erlernt. Gehen wir davon aus, starke Schmerzen zu spüren, dann werden wir diese mit großer Wahrscheinlichkeit auch erfahren.

Bereits im letzten Jahrhundert erkannt der Arzt Grandy Dick-Read, dass die Schmerzen bei der Geburt, die eine Frau erleiden muss, nicht im Geburtsvorgang begründet liegt, sondern Schmerz und Geburt von Menschen unheilvoll zusammengefügt wurde. So verbinden wir Schmerzen ja bereits mit dem Wort „Wehe“. Kaum eine Frau weiß jedoch, dass das Wort im hebräischen Bibeltext eigentlich nur „die Arbeit einer Frau vollbringen“ meint und erst durch eine Fehlinterpretation mit Ach und Wehe gekoppelt wurde. Dabei beschreibt der ursprüngliche Kontext genau, warum es bei der Geburt geht: das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, die eine Frau mit Leib und Seele erlebt. Arbeitspsychologen beschreiben diesen Zustand als Flow, in dem alles mit Leichtigkeit gelingt durch die Übereinstimmung von Fühlen, Denken und Handeln.

Noch im Alten Testament wird von leichten Geburten im Vertrauen auf Gott berichtet, doch mit zunehmender Macht der Kirchen sollte der Ausspruch „unter Schmerzen sollst du gebären“ zur Realität werden. Wir wissen heute wie machtvoll das Wort und die inneren Bilder sind. Und so können wir nur erahnen unter welchen Höllenqualen Frauen im Mittelalter gebären mussten, nachdem die Katholische Kirche das Berufsverbot für Hebammen ausgesprochen hatte. Der Grund: Hebammen waren nicht nur weise Frauen, sondern meist auch Priesterinnen der Großen Göttin. Dieser heidnische Glaube sollte ausgelöscht werden und so wurden die Hebammen zum größten Feind der Kirche wie es damals hieß.

Als die Hebammen später wieder praktizieren durften, war der Zusammenhang von Todesangst und Geburt bereits in das kollektive Bewusstsein der Frauen eingegraben. Zu Opfern gemacht, empfanden Frauen nun selbst die Geburt, eigentlich eine göttliche Aufgabe und Auszeichnung der weiblichen Natur, als Strafe. Der Beginn der modernen Medizin brachte leider keine Verbesserung. In den Gebäranstalten des 19. Jahrhunderts häuften sich die Todesfälle während der Geburt. Dort Niederzukommen war für die allermeisten Frauen, der blanke Horror. Und diese Erinnerung klebt an den Frauen noch heute, denn die Geburtsgeschichten werden von Generation zu Generation weitergegeben. Jedes Mädchen wächst heute mit der Vorstellung auf, dass Geburt schmerzhaft und eine Quälerei sei.

Dabei gibt es sie, jene Frauen, die in Leichtigkeit und mit Lust gebären, nur wurden diese Frauen bisher als abnorm abgestempelt bzw. hielten sie ihre Erfahrungen zurück aus Rücksicht auf jene Frauen, die das Glück nicht hatten. Dabei ist es so wichtig, dass Frauen sich über das positive Erleben einer Geburt austauschen, dass sie sich gegenseitig in ihrem Wunsch nach einer erfüllenden Geburtserfahrung bestärken. Denn nur so lassen sich die Fesseln der Vergangenheit abstreifen und den Aufbruch in eine neue Geburtskultur schaffen.

Wie könnte denn eine neue Geburtskultur aussehen? Frauen entwickeln durch die Klärung vergangener Irrweg ein neues Selbstbewusstsein und ermächtigen sich selbst, um die urweibliche Erfahrung des Gebärens wieder im Vollbesitz ihrer Kraft und Würde machen zu können. Geburt wird dabei nicht verharmlost, sondern in seiner ganzen Tiefe und Urgewaltigkeit erfasst. Im Einklang mit sich und der Natur erleben Frauen den Geburtsprozess als Quelle ungeahnter Kraft und Inspiration. Es ist der Schlüssel für die Wiederbelebung urweiblicher Energien in der Welt und das Fundament eines neuen bzw. uralten Selbstverständnisses von Weiblichkeit.

Dafür braucht es keine neue Geburtsmethode, sondern ein Abstreifen geistiger und emotionaler Schranken und ein Selbst-Bewusstsein, um Ja sagen zu können und Geburt als durch und durch weibliche inwendige Erfahrung zu machen. Allem voran steht dabei das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigenen Gebärfähigkeit. Wissen, das Hebammen und Ärzte über die Geburt haben, hilft dabei meist nicht weiter. Daher geht mit einer neuen Geburtskultur mit der Kraft von Frauen im Zentrum eine bestimmte, wenn auch versöhnliche Zurückweisung eines zumeist männlichen Blicks von außen auf Geburt einher. Geburt ist eine inwendige Erfahrung, die ein Einlassen, Zulassen und Loslassen im Vertrauen auf die weibliche Kraft verlangt.

Der Körper ist ein Wunderwerk, ihn gilt es in der Schwangerschaft zu stärken und liebevoll zu begegnen. Vielen Frauen ist nicht klar, wie sehr sich ihr Empfinden in der Schwangerschaft auf die Entwicklung des Kindes oder den Geburtsverlauf auswirken kann. Geburt ist der Abschluss der Schwangerschaft und kann nicht isoliert betrachtet werden. Bei der Geburt kommt das Innerste nach außen und so ist es sehr wichtig, dass sich eine Frau bereits während der Schwangerschaft mit ihren inneren Konflikten und Ängsten auseinandersetzt. Auch Partnerkonflikte können sich negativ auf den Geburtsverlauf auswirken. Diese Zusammenhänge werden in der Praxis meist nicht thematisiert.

Dabei ist Liebe das tragende Element – bei der Zeugung genauso wie in der Schwangerschaft und der Geburt. Ein Partner kann seiner Frau daher keinen größeren Gefallen tun, als sie zu verwöhnen und seine Liebe zum Ausdruck zu bringen. Bei der Geburt kurbelt eine liebevolle Zuwendung das Geburtshormon Oxytocin an. Es regt die Tätigkeit der Gebärmutter an und wirkt umso intensiver, wenn sich die Frau geliebt und umsorgt fühlt. Oxytocin ist das Liebeshormon des Körpers und gleichzeitig für die Wehen verantwortlich. Geboren aus einer Welle der Freude ist daher durchaus wörtlich, d.h. körperlich gemeint. Denn die Wehen, die bisher als schmerzbringend angesehen wurden, bringen neben der Dehnung auch Gefühle der Liebe, Freude und Dankbarkeit. Diese Gefühle gilt es wahrzunehmen und zu verstärken durch eine bewusst Haltung der Freude und Neugierde dem Geburtsverlauf gegenüber.

Von außen betrachtet, ist Geburt ein Trennungsvorgang. Etwas trennen, ist schmerzhaft. Aus einer weiblichen Perspektive ist der Geburtsvorgang aber gar keine Trennung, sondern ein dreifacher Verbindungsakt: die Einheit von Körper, Geist und Seele der Mutter, die Verbindung von Mutter und Kind im Bauch und die Anbindung an die alles durchdringende Schöpfungskraft, jene gestalterische Kraft im Universum, die Leben hervorbringt und ohne die Geburt auf natürlichem Wege nicht möglich ist. Geburt ist eine hochspirituelle Erfahrung, die Frauen – anders als Männer - mit ihrem ganzen Körper machen können. Ganz bei sich, werden sie eins mit ihrem Kind und der Schöpfungskraft und tauchen ein in die mystische Erfahrung des Alleins-Seins.

Frauen sind so gesehen begnadet, da Frauen durch die Geburt diese herausgehobene Erfahrung machen können. Diese Erfahrung der Verbundenheit mit dem Leben kann sehr tiefgreifend sein. Wären sich Frauen darüber bewusst, welch kraftvolle, machtvolle Erfahrung in einer positiv erlebten Geburt liegt, würden sie sich wirklich von der Geburtserfahrung entbinden lassen? Nach einer bewussten Geburt im Vertrauen auf die weibliche Urkraft sind Frauen in ihrem Inneren gestärkt. Durch die Entdeckung der Urkraft wird Weiblichkeit wieder zum Geschenk und Geburt zum Fest des Lebens.

Gebären ist ein Liebesakt des Lebens mit sich selbst und es ist ein Hochfest der Frauen. Frauen als Geburtsbegleiterinnen dabei zu haben, ist daher ein wahrer Kraftquell für die Gebärende. Würde es ein künstliches Wehenmittel mit dem gleichen Effekt geben, wie die Anwesenheit einer erfahrenen Vertrauten, es wäre unbezahlbar. Doch nur langsam setzt sich diese Sichtweise durch, wenn auch immer mehr Doulas, Dienerinnen der Frauen, bei Geburten dabei sind. Leider oft gegen den Widerstand der Verantwortlichen im Krankenhaus.

Die berühmte Hebamme Ina May Gaskin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises geht sogar so weit zu sagen, dass die Zukunftsfähigkeit eines Landes davon abhänge, in wie weit die Rechte der Frauen für eine frauenzentrierte Geburt gewahrt seien. In Deutschland gehen wir demnach dunklen Zeiten entgegen, sollte sich der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkasse durchsetzen mit der Forderung, freie Hebammen abzuschaffen. Sie sind es doch, die bei Hausgeburten, in Geburtshäusern und als Beleghebamme in Krankenhäuser durch die 1:1 Betreuung von Gebärenden für sicher Geburten sorgen.

Die Situation ist inakzeptabel, denn ohne Hebammen keine kraftvollen Geburten. Wäre es im 21. Jahrhundert nicht an der Zeit, sich zu fragen, ob wir wirklich in einer Gesellschaft leben wollen, in der den Frauen eine selbstbestimmte, natürliche Geburt als verantwortungsloses Unterfangen dargestellt wird? Wie anders würden Kinder mit Müttern aufwachsen, die sich ihrer Kraft als Schöpferin des Lebens bewusst wären? Welche Werte würden Kinder vertreten, die in Liebe und Freude geboren wurden und würde sich diese Welt nicht positiv verändern allein durch die Wiederbelebung weiblicher Kraft und natürlicher Geburten?

Hinter allem steht also die Frage, welchen Stellenwert das Weibliche in unserer Gesellschaft haben soll und wie wir in Zukunft leben wollen. Die Rückkehr zu den weiblichen Wurzeln könnte ein Beitrag sein, Leben wieder lebensbejahend zu gestalten. Am Anfang dieser Entwicklung steht die Bewusstheit, dass es für Mutter und Kind und den Geburtsverlauf sehr wohl einen Unterschied macht, wie sich Frauen bei der Geburt fühlen und ob Frau im Vollbesitz ihrer Kraft gebären darf. Ein weiblicher Fokus führt heraus aus dem künstlichen Irrgarten im technisierten Raum, in dem Frauen nach und nach ihrer Kräfte entbunden wurden, in ein wahrhaft mystisches Labyrinth, das in sich das Geheimnis des Lebens trägt. Dem Unterschied von Mann und Frau nachzugehen, ist demnach durchaus lohnenswert.